Musik im 16. Jahrhundert
Erstellt: 23-Apr-2005
Die mächtige Anregung, welche um diese Zeit das gesamte geistige Leben Europas durch die wieder erwachte Teilnahme für Kunst und Wissenschaft des Altertums erhalten hatte, und die infolgedessen eingetretene Verfeinerung des Geschmacks trugen wesentlich zu dem Erfolg der niederländischen Tonsetzer bei; nicht minder auch die Kirchenreform Luthers mit ihrer auf individuelle religiöse Betätigung gerichteten Tendenz, kraft welcher die Gemeinde nach jahr-hundertelanger Ausschließung vom Kirchengesan.g sich wiederum an demselben zu beteiligen hatte, sowie endlich die bald nach Erfindung der Buchdrucker-kunst gemachte Erfindung desOttavianodei.Pe-trucci, Musiknoten mit beweglichen Metalltypen zu drucken. Dieselben Ursachen aber, welche dieKunst der Niederländer zur vollen Reise gebracht, setzten auch ihrer Alleinherrschaft ein Ziel, denn mit der durch Kirchenreform und Renaissance bewirkten geistigeii Befreiung des Individuums erwachte auch bei den andern Völkern die musikalische Produktions-kraft; vor allen bei den Italienern, die noch im Verlauf des 16. Jahrb. den Beweis liefern konnten,. daß sie, wenn auch zeitweilig vom musikalischen Kampfplatz verdrängt, doch an ihren natürlichen An-lagen keine Einbuße erlitten hatten. Denn die von den Niederländern Claude Goudimel (gest. 1572) und Adrian Will a er t (gest. 156...) in Rom und Venedig gestifteten Schulen erreichten erst dann ihre eigentliche Höhe, nachdem dort Palestrina (1524-1594), hier die beiden Gabrieli, Andreas (gest. 1586) und sein Neffe Giovanni (gest.^1612), an die Spitze getreten waren. Namentlich wurdePalestrinas Wirken für die Zukunft der italienischen M..von höchsterBedeutung, denn als beim Konzil von Trient die Klage laut wurde, daß die polyphone oder Figuralmusik in ihrem damaligen komplizierten Zustand der Würde des Gottesdienstes mehr nachteilig als vorteilhaft und deshalb ganz aus demselben zu verbannen sei, da waren es seine im Auftrag des Konzils komponierten drei Messen (darunter die berühmte, dem Andenken seines Gönners, des Papstes Mar-cellus, geweihte "Missa papae Marcelll"), welche die Untersuchungskommission überzeugten, daß die Hauptbedingungen einer wirkungsvollen Vokalmusik; deutliches Hervortreten der Melodie und Verstand-lichkeit der Textesworte, auch mit Anwendung der kunstvollsten Kontrapunktik recht wohl erfüllt werden. können. Durch diese Messen, deren Aufführung 19.. Juni 1565 unter dem begeisterten Beifall der zur Entscheidung obiger Frage versammelten Kardinäle stattfand, wurde die polyphone Kirchenmusik vor dem Untergang bewahrt, den ihre Lostrennung vom katho-lisch en Gottesdienst unvermeidlich nach sich gezogen hätte. Zugleich aber war den Italienern ein ihnen eigentümlicher Kirchenstilgeschaffen, welch er in seiner edlen Einfachheit und Erhabenheit als klassisch gelten. darf und unter der Bezeichnung "Palestrina-Stil "für alle spätern Kirchengesangskomponisten mustergültig geworden ist.
Dem Beispiel Italiens folgte zunächst Deutschland. Schon im 15. Jahrhundert hatte ein Deutscher, Heinrich Isaak aus Basel (gest. um 1530), mit den angesehensten der niederländischen Kontrapunktisten wett-eifern können; sein Schüler Ludwig Senfl aber, der Zeitgenosse und Lieblingskompoliist Luthers, zeigt in seinen Tonsätzen bereits jene Freiheit, welche die Arbeiten der vorhin genannten Italiener von denen. ihrer niederländischen Vorgänger vorteilhaft unter-scheidet. In Deutschland war es auch, wo der letzte
große Niederländer, Orlandus Lassus (Roland de Lattre, gest. 1594 in München), die Stätte seiner er-folgreichsten Wirksamkeit fand und eine Schule begründete, welche sich unter andern durch Johannes Eccard (gest. 1611 in Berlin) fortpflanzte. Mit diesen Künstlern, zu denen noch Hans Leo Hasler (gest. 1612) gehört, vin Schüler des A. Gabrieli, hatte die polyphone Gesangsmusik den Höhepunkt ihrer Entwickelung erreicht. Mittlerweile aber war ihr eineGegnerschast entstanden, h ervorgerufen durch die Bestrebungen, das antike Musikdrama wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Schauplatz dieser Be-wegung war Florenz, wo in einem Kreis von Künstlern und Gelehrten die Frage erörtert wurde,. durch welche Mittel die von den Schriftstellern des Altertums der M. der Tragödie zugeschriebene Wir.-kung zu erreichen sei. Überzeugt, daß der mehrstimmige Gesang auch in der freien Form des weltlichen Lie-des, des im Lauf des 16. Jahrh. zu hoher Blüte gelangten Madrigals (s. d.), zum Ausdruck drama-tischer Leidenschaften ungenügend sei, suchte man nach einer hierfür geeigneten Gesangsform und fand. sie in der bis dahin als Kunstgattung unbekannt gewesenen Monodie ("Einzelgesang") sowie namentlich in dem zwischen Gesang und Sprache die Mitte haltenden Vortrag derselben, den man St.ilorappre. sentatlvo oder recitatlvo nannte. Mit diesen Hilfsmitteln unternahm der Kapellmeister Jacopo Peri die Komposition des Dramas "Daphne" von Rinuc-cini, und die Aufführung dieses Werkes in dem oben genannten Kreis fand solchen Beifall, daß man sich überzeugt hielt, die dramatische M. der Alten sei nun wirklich wieder aufgefunden. Eine zweite Arb eit dieser. Männer aber, die "Euridlce", war berufen., einen Markstein in die Geschichte der M. zu bilden; denn mit der Ausführung dieses Werkes zu Florenz bei den Feierlichkeiten der Vermählung Heinrichs IV. von Frankreich mit Maria von Medici (1600) tritt diejenige Kunstgattung ins Leben, die von nun an un-unterbrochen die musikalische Welt beschäftigen sollte: die moderne Oper.
Quelle und Lizenz

Ein Teil dieses Textes basiert auf einem Artikel aus Meyers Konversationslexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens, vierte Auflage, Leipzig, 1888-1889. Bitte beachten Sie, dass diese Informationen aus dem Jahre 1888 stammen und inzwischen veraltet sein könnten.
Artikel: Musik (Geschichte) - susi.e-technik.uni-ulm.de:8080.
Lizenz: Gemeinfrei (Public Domain).
Bildquellennachweise: • Promotionmaterial © Amazon.de.
Kategorien:
Erstellt: 23-Apr-2005
Die mächtige Anregung, welche um diese Zeit das gesamte geistige Leben Europas durch die wieder erwachte Teilnahme für Kunst und Wissenschaft des Altertums erhalten hatte, und die infolgedessen eingetretene Verfeinerung des Geschmacks trugen wesentlich zu dem Erfolg der niederländischen Tonsetzer bei; nicht minder auch die Kirchenreform Luthers mit ihrer auf individuelle religiöse Betätigung gerichteten Tendenz, kraft welcher die Gemeinde nach jahr-hundertelanger Ausschließung vom Kirchengesan.g sich wiederum an demselben zu beteiligen hatte, sowie endlich die bald nach Erfindung der Buchdrucker-kunst gemachte Erfindung desOttavianodei.Pe-trucci, Musiknoten mit beweglichen Metalltypen zu drucken. Dieselben Ursachen aber, welche dieKunst der Niederländer zur vollen Reise gebracht, setzten auch ihrer Alleinherrschaft ein Ziel, denn mit der durch Kirchenreform und Renaissance bewirkten geistigeii Befreiung des Individuums erwachte auch bei den andern Völkern die musikalische Produktions-kraft; vor allen bei den Italienern, die noch im Verlauf des 16. Jahrb. den Beweis liefern konnten,. daß sie, wenn auch zeitweilig vom musikalischen Kampfplatz verdrängt, doch an ihren natürlichen An-lagen keine Einbuße erlitten hatten. Denn die von den Niederländern Claude Goudimel (gest. 1572) und Adrian Will a er t (gest. 156...) in Rom und Venedig gestifteten Schulen erreichten erst dann ihre eigentliche Höhe, nachdem dort Palestrina (1524-1594), hier die beiden Gabrieli, Andreas (gest. 1586) und sein Neffe Giovanni (gest.^1612), an die Spitze getreten waren. Namentlich wurdePalestrinas Wirken für die Zukunft der italienischen M..von höchsterBedeutung, denn als beim Konzil von Trient die Klage laut wurde, daß die polyphone oder Figuralmusik in ihrem damaligen komplizierten Zustand der Würde des Gottesdienstes mehr nachteilig als vorteilhaft und deshalb ganz aus demselben zu verbannen sei, da waren es seine im Auftrag des Konzils komponierten drei Messen (darunter die berühmte, dem Andenken seines Gönners, des Papstes Mar-cellus, geweihte "Missa papae Marcelll"), welche die Untersuchungskommission überzeugten, daß die Hauptbedingungen einer wirkungsvollen Vokalmusik; deutliches Hervortreten der Melodie und Verstand-lichkeit der Textesworte, auch mit Anwendung der kunstvollsten Kontrapunktik recht wohl erfüllt werden. können. Durch diese Messen, deren Aufführung 19.. Juni 1565 unter dem begeisterten Beifall der zur Entscheidung obiger Frage versammelten Kardinäle stattfand, wurde die polyphone Kirchenmusik vor dem Untergang bewahrt, den ihre Lostrennung vom katho-lisch en Gottesdienst unvermeidlich nach sich gezogen hätte. Zugleich aber war den Italienern ein ihnen eigentümlicher Kirchenstilgeschaffen, welch er in seiner edlen Einfachheit und Erhabenheit als klassisch gelten. darf und unter der Bezeichnung "Palestrina-Stil "für alle spätern Kirchengesangskomponisten mustergültig geworden ist.
Dem Beispiel Italiens folgte zunächst Deutschland. Schon im 15. Jahrhundert hatte ein Deutscher, Heinrich Isaak aus Basel (gest. um 1530), mit den angesehensten der niederländischen Kontrapunktisten wett-eifern können; sein Schüler Ludwig Senfl aber, der Zeitgenosse und Lieblingskompoliist Luthers, zeigt in seinen Tonsätzen bereits jene Freiheit, welche die Arbeiten der vorhin genannten Italiener von denen. ihrer niederländischen Vorgänger vorteilhaft unter-scheidet. In Deutschland war es auch, wo der letzte
große Niederländer, Orlandus Lassus (Roland de Lattre, gest. 1594 in München), die Stätte seiner er-folgreichsten Wirksamkeit fand und eine Schule begründete, welche sich unter andern durch Johannes Eccard (gest. 1611 in Berlin) fortpflanzte. Mit diesen Künstlern, zu denen noch Hans Leo Hasler (gest. 1612) gehört, vin Schüler des A. Gabrieli, hatte die polyphone Gesangsmusik den Höhepunkt ihrer Entwickelung erreicht. Mittlerweile aber war ihr eineGegnerschast entstanden, h ervorgerufen durch die Bestrebungen, das antike Musikdrama wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Schauplatz dieser Be-wegung war Florenz, wo in einem Kreis von Künstlern und Gelehrten die Frage erörtert wurde,. durch welche Mittel die von den Schriftstellern des Altertums der M. der Tragödie zugeschriebene Wir.-kung zu erreichen sei. Überzeugt, daß der mehrstimmige Gesang auch in der freien Form des weltlichen Lie-des, des im Lauf des 16. Jahrh. zu hoher Blüte gelangten Madrigals (s. d.), zum Ausdruck drama-tischer Leidenschaften ungenügend sei, suchte man nach einer hierfür geeigneten Gesangsform und fand. sie in der bis dahin als Kunstgattung unbekannt gewesenen Monodie ("Einzelgesang") sowie namentlich in dem zwischen Gesang und Sprache die Mitte haltenden Vortrag derselben, den man St.ilorappre. sentatlvo oder recitatlvo nannte. Mit diesen Hilfsmitteln unternahm der Kapellmeister Jacopo Peri die Komposition des Dramas "Daphne" von Rinuc-cini, und die Aufführung dieses Werkes in dem oben genannten Kreis fand solchen Beifall, daß man sich überzeugt hielt, die dramatische M. der Alten sei nun wirklich wieder aufgefunden. Eine zweite Arb eit dieser. Männer aber, die "Euridlce", war berufen., einen Markstein in die Geschichte der M. zu bilden; denn mit der Ausführung dieses Werkes zu Florenz bei den Feierlichkeiten der Vermählung Heinrichs IV. von Frankreich mit Maria von Medici (1600) tritt diejenige Kunstgattung ins Leben, die von nun an un-unterbrochen die musikalische Welt beschäftigen sollte: die moderne Oper.
Quelle und Lizenz
![]() |
Ein Teil dieses Textes basiert auf einem Artikel aus Meyers Konversationslexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens, vierte Auflage, Leipzig, 1888-1889. Bitte beachten Sie, dass diese Informationen aus dem Jahre 1888 stammen und inzwischen veraltet sein könnten. |
| Artikel: Musik (Geschichte) - susi.e-technik.uni-ulm.de:8080. | |
| Lizenz: Gemeinfrei (Public Domain). | |
| Bildquellennachweise: • Promotionmaterial © Amazon.de. |

