Futter für Deutschnationale: Alberto Franchettis Germania an der Deutschen Oper Berlin

Während die rechtsextreme NPD erstmals in der 'Reichshauptstadt' Berlin ihren Bundesparteitag vorbereitet, inszeniert Intendantin Kirsten Harms die dazu passende Tonspur mit ihrer Debütproduktion Germania an der Deutschen Oper Berlin.

In Alberto Franchettis (1860-1942) wirrem Dramma lirico aus dem Jahr 1902 wird munter gedeutschtümelt, blutverschmierte preußische Flaggen werden über die Bühne geschleppt, klappernde burschenschaftliche Mensuren vorgeführt und schließlich kollektiv an der fanatischen 'Vaterlandsliebe' krepiert (O-Ton: "Hurra, es lebe der Tod!"); das bodenlose Libretto eines gewissen Luigi Illica enthält jede Menge Schenkelklopfer wie den Satz "Wer will am Schicksal des Vaterlandes verzweifeln, so lange die Frauen und die Wiesen Blüten tragen", und der leidende Zuschauer wird ohne Ende mit einem unerträglichen Maß an stumpfem Hurrah-Patriotismus (O-Ton: "Sterben für Deutschland – Hurra, Hurra!") und "Deutschland erwache"-Parolen überflutet.

Was von dem Berliner Opernhaus an der Bismarckstraße als "große tragische Oper über deutsche Studenten im Widerstand gegen Napoleon" angepriesen wurde, entpuppt sich als überflüssige 'Wiederentdeckung' einer zu Recht vergessenen Fußnote der Musikgeschichte. Kaum jemand kennt heute noch Herrn Franchetti oder sein drittklassiges Werk Germania, gängige Opernführer erwähnen weder den Komponisten noch seine Oper – kein Wunder, denn dem Werk fehlen jegliche erinnernswerten Qualitäten, sowohl musikalisch als auch dramaturgisch: Die "stümperhaft komponierte" Musik [5] erweist sich als "dürftige Toncollage aus Wagner und Puccini" [1], und das "dahingepfuschte" und "historisch unscharfe" [6] Libretto kann als "unverdauliche Undramaturgie" und "Herz-Schmerz-Brei" [2] charakterisiert werden.

Germania ist zweifellos ein rundum überflüssiges Werk, das seine Brisanz einzig aus dem Kontext bezieht, in dem es zur Aufführung kommt: einem Deutschland, das zunehmend unter rechtsextremistischen Ausschreitungen leidet, in dem Parteien mit zweifelhafter Verfassungstreue in die Landtage einziehen und in denen farbigen Touristen empfohlen wird, bestimmte Landstriche doch besser nicht zu aufzusuchen.

Muß man ausgerechnet vor diesem Hintergrund ein minderwertiges Stück vergessener Operngeschichte auf die Bühne bringen? Eine solche Notwendigkeit eröffnet sich dem Zuschauer nicht und ist wohl auch künstlerisch nicht zu rechtfertigen, auch wenn Frau Harms glaubt, einen "großartigen Schatz" ausgegraben zu haben [8].

Ist Germania eine apolitische Inszenierung, wie man sie in letzter Zeit häufiger in den Berliner Bühnen zu sehen bekam? Wohl kaum, zu demonstrativ wird der nationale und nationalististische Gehalt des Stoffes präsentiert. Harms hatte ja auch explizit eine "gewisse Politisierung" angekündigt [8].

Könnte man es heutzutage überhaupt rechtfertigen, solch schmierigen Schund aufzuführen? Ja sicher, wenn die Inszenierung intelligent mit dem Material umzugehen weiß, den bodenlosen Unsinn reflektiert und nicht zuletzt kritische Distanz demonstriert. Fehlt diese Distanz, verbleibt nichts als Futter für Ewiggestrige, Deutschnationale und Rechtsextreme.

Und genau das macht Harms' Fehltritt zu einem großen Ärgernis: Das Desaster wird von Frau Hams geistlos und witzfrei, unkritisch, unreflektiert und undistanziert auf die Bühne gezerrt; damit nicht genug, es wird nicht einmal ein inszenatorischer Stilwille erkennbar. Tiefer kann man mit einem Debüt wohl nicht ins sprichwörtliche Klo greifen. Zu recht muß man da wohl fragen, wie beispielsweise die Stuttgarter Nachrichten: "Wohin treibt die Deutsche Oper?" [8], oder wie Frieder Reininghaus so treffend in der taz formuliert hat: "Sie ist als Regisseurin im Minenfeld kontaminierter politischer Ideen so überfordert wie als Intendantin" [7].

Welcher Teufel mag Intendantin Harms geritten haben, als sie die Entscheidung fällte, ausgerechnet das unsägliche Germania in dieser kritikfreien Form als Debüt an jener Deutschen Oper zu präsentieren, von der noch Christian Thielemanns angebliche Äußerung als Mißton im Ohr nachklingt: Mit den klaren Worten "Jetzt hat die Juderei in Berlin ein Ende" soll der ehemalige GMD der Deutschen Oper Daniel Barenboims angedrohten Rücktritt als Kollege an der Staatsoper Unter den Linden kommentiert haben. Was Thielemann damals wirklich gesagt hat, bleibt ebenso unklar wie Harms' Motive, über die man lediglich fruchtlos spekulieren kann [3].

Was jedoch bleibt, ist ein Ärgernis auf einer der großen Berliner Bühnen, ein peinlicher Fehltritt der neuen Opernintendantin Harms sowie eine internationale Blamage. Eine Blamage bereits durch die Entscheidung für Produktion eines Stückes wie Germania und eine Blamage durch die hier demonstrierte künstlerische Unfähigkeit, einen derartigen Stoff in angemessener Form auf die Bühne zu bringen.

Ein Ärgernis übrigens, das offensichtlich seine Zuschauer findet: Die von uns besuchte Vorstellung am 17. November wimmelte nur so von farbentragenden Burschenschaftern, die ostentativ Schärpen in den deutschen Nationalfarben zur Schau trugen – eine traurige Bilanz, wenn die aus öffentlichen Mitteln hoch subventionierte Deutsche Oper ausgerechnet für ein Publikum von Burschis spielt, das partiell unter dem Verdacht der Fremden- und Verfassungsfeindlichkeit steht und das zumindest teilweise großdeutsche und revisionistische Ambitionen verfolgen soll.

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